Unaufhaltsamer Vormarsch: Wie das Drüsige Springkraut Europa eroberte

Vom Gartenschmuck zur biologischen Invasion: Das Drüsige Springkraut breitet sich seit den 1950er Jahren unkontrolliert in Europa aus. Klimawandel und Evolution haben die Blütezeit der Pflanze verdoppelt und ihr die Eroberung ganzer Ökosysteme ermöglicht – bis hin zum Polarkreis.

Das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera) ist ursprünglich im Himalaja beheimatet und kam im 19. Jahrhundert als exotische Zierpflanze nach Europa. Als sogenannter Neophyt gehört es zu den gebietsfremden Pflanzen, die bei uns keine natürlichen Feinde besitzen und sich in der heimischen Natur ohne menschliche Hilfe dauerhaft etabliert haben.

Da die Pflanze extrem sensibel auf steigende Temperaturen reagiert, lässt sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts eine dramatische Verschiebung und Verlängerung der jährlichen Blühphase beobachten: Während das Springkraut in den kühlen Sommern der 1950er Jahre meist erst im Spätsommer ab August blühte, öffnet es seine Knospen heute dank milder Frühjahrsmonate oft schon Anfang Juni.

Der verzögerte Herbstfrost im Zuge des Klimawandels verlängert die Saison mittlerweile oft bis in den November hinein.

Diese zeitliche Verschiebung spiegelt sich auch in der geografischen Ausbreitung wider. Um 1950 war das Drüsige Springkraut in Deutschland vor allem auf das Rheintal und urbane Gärten beschränkt, wo es von Imkern als ertragreiche Bienenweide geschätzt wurde.

Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera)

In den darauffolgenden Jahrzehnten nutzte der Neophyt Flusssysteme, Autobahntrassen und forstwirtschaftliche Maschinen als Ausbreitungsbeschleuniger.

Bis 1970 stieg der Anteil besiedelter Habitate auf zwölf Prozent, vor allem entlang von Strömen wie Donau, Elbe und Weser. Durch den rasanten Ausbau der Infrastruktur waren bis 1990 bereits über die Hälfte der Flächen besiedelt.

Heute gilt die Art in Deutschland und Mitteleuropa mit einer Präsenz von fast 99 Prozent als ökologisch gesättigt und besiedelt nahezu jede verfügbare feuchte Rasterfläche.

Die biologische Invasion macht dabei an den Landesgrenzen nicht halt. Während Westeuropa und Großbritannien bereits bis 1970 flächendeckend kolonisiert waren, folgte in den 1980ern der Vorstoß nach Osteuropa.

Die größte ökologische Überraschung zeigte sich ab den 2000er Jahren in Skandinavien. Durch extrem rasche evolutionäre Anpassung verkürzten die dortigen Populationen ihren Lebenszyklus. Dadurch blüht das Springkraut heute selbst nördlich des Polarkreises in Norwegen und Schweden erfolgreich im Juli und August.

Demgegenüber steht das maritime Westeuropa mit einer extrem langen Blütezeit bis November, während Südeuropa durch Trockenstress im Hochsommer ausgebremst wird.

Diese Dominanz führt zu massiven ökologischen Problemen: Das Drüsige Springkraut überwächst mit einer Höhe von bis zu drei Metern mühelos die heimische Flora und entzieht ihr das lebensnotwendige Licht. Da die Pflanze im Winter komplett abstirbt und zuvor reine Monokulturen bildet, hinterlässt sie im Unterholz und an Flussufern nackte Erde. Dies führt in den Wintermonaten zu schwerer Bodenerosion.

Um die explosionsartige Verbreitung der Schleuderkapseln einzudämmen, greifen mittlerweile strenge EU-Managementvorgaben, die den Handel, Transport und die Freisetzung der invasiven Art strikt verbieten.
 

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